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Die alte Frau auf dem Spielplatz

Aktualisiert: 6. Apr. 2021

Und das kleine Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen

Da saß sie wieder, die alte Frau auf dem Spielplatz. Sie war klein, lief gebückt und hatte einen silbergrauen Dutt. In ihrem schmalen Gesicht mit den vielen Falten und den wachen, blauen Augen, saß eine silberne Nickelbrille. Meistens trug sie einen Rock oder ein Kleid. Immer hatte sie eine große Umhängetasche mit. Und immer saß sie auf der Bank unter dem Baum, auf dem Platz an der Sonne, die durch die Zweige des Ahornbaumes schien. Für gewöhnlich kam sie gegen 13 Uhr hierher und blickte oft nachdenklich auf die Hausnummer 15 des großen gelben Haus schräg gegenüber des Spielplatzes. Häufig lächelte sie, freute sich an dem Zwitschern der Vögel und fütterte sie mit Krümeln von Weißbrot, das sie nach etlichem Kramen aus ihrer Handtasche holte. Wenn gegen 14 Uhr mittags die Kinder kamen, blühte die alte Frau regelrecht auf. Sie beobachtete das bunte Treiben der Kinder, ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Ganz besonders hatte es ihr ein kleines, etwa 8-jähriges Mädchen mit dunkelbraunen, geflochtenen Zöpfen angetan. Und wenn das ein oder andere Kind seinen Weg zur Bank der Frau fand, die bestimmt eine Großmutter war, bekam es immer ein Bonbon, ein Stück Schokolade oder einen Keks. Manchmal machte die alte Frau auch Apfelschnitze aus runzeligen Äpfeln, die sie mit geschickten Bewegungen schälte.

Mir fiel auf, dass vorbeikommende oder auf der Bank verweilende Hundebesitzer zuweilen erstaunt waren, dass ihre Hunde stets die Nähe der Frau suchten. Immer streichelte sie eines der Tiere mit freudigen Augen und liebkosenden Händen. Manchmal gab es sogar Leckerlies für die Hunde. Im Herbst, wenn das Laub braun wurde und sich anschickte, von den Bäumen zu fallen, nahm ich oft einen umso wehmütigeren Blick der Frau war. Einmal, im Vorbeigehen, hörte ich sie leise seufzen: „Ach Erwin, wie sehr ich Dich vermisse ...“ Die Frau hielt sich nie länger als drei bis vier Stunden auf der Bank auf, manchmal hatte sie einen heißen Kräutertee dabei, gerade, wenn es im Herbst schon kühler wurde. Immer wieder wanderte ihr Blick sehnsuchtsvoll und wehmütig zur Hausnummer 15. Ob sie dort mit Erwin einst gelebt hatte? Ob dort ihre Enkel ein- und ausgegangen waren? Ob ihre Enkeltochter dem kleinen dunkelhaarigen Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen ähnlich sah? Einmal hatte dieses Mädchen, übermutig schaukelnd, der alten Frau zugerufen: „Willst Du auch einmal schaukeln?“ Die alte Frau winkte ab: „Lass nur, mein Mädchen, ich bin zu alt und meine alten Knochen machen das auch nicht mehr mit.“ „Aber warum denn zu alt?“, hatte das Mädchen gefragt. „Hast Du vielleicht Angst?“


Die alte Frau schien kurz zu überlegen. Dann stand sie zögerlich auf und nahm auf der Nachbarschaukel Platz. Das kleine Mädchen glitt von seiner Schaukel herunter und sagte: „Ich schubse Dich auch an!“ „Mach das“, entgegnete die Frau, und ehe sie sich versah, schaukelte sie hoch in der Luft, ihr langer Rock flatterte, aus ihrem Dutt löste sich eine Haarsträhne und nun lachte sie über das ganze Gesicht. Ja, so hoch hatte sie als Kind immer geschaukelt, das Schaukeln war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen gewesen. Auf der Schaukel auf dem kleinen Spielplatz neben dem Hof von Bauer Anskar. Der war ein gütiger Mensch gewesen und hatte sie öfter mit in den Kuhstall genommen, wo sie die Kuh Lena melken oder die Ferkel Oskar und Erich streicheln durfte, und dann gab es da noch die schwarze Katze Liesbeth mit dem weißen Fleck auf der Brust, die schnurrte so putzig und hatte drei kleine süße Katzenjunge geboren … Jetzt war die alte Frau ganz in ihrem Element. Sie dachte an den Nachbarsjungen Olaf, mit dem sie manchen Schabernack angestellt hatte und an ihre Freundin Lina, mit der sie auf Bäume geklettert war und am Bachufer gespielt hatte. Auf der nahe gelegenen Wiese hatte sie auch manchmal einen bunten Blumenstrauß für ihre kluge und sanfte Mutter gepflückt. Dafür durfte sie dann manchmal ein Schokoladenbrot essen, eine dicke Scheibe Weißbrot von dem frischgebackenen Brot, das ihre Mutter alle zwei Tage gebacken hatte.

Da klopfte ein Specht an den Baum, und die alte Frau schreckte aus ihren Erinnerungen auf. Hier saß sie auf einer roten Schaukel mit einem dunkelhaarigen Mädchen mit geflochtenen Zöpfen an der Seite, das ihrer Enkelin Karla so ähnlich sah ... Karla, die damals vom Traktor erfasst wurde und noch auf dem Weg zum Krankenhaus starb. Ihre Tochter Edith war nie ganz über den Verlust hinweggekommen, auch wenn ihr Mann Arthur ihr immer wieder versicherte, dass es ein Unfall gewesen war. Doch zum Glück hatten sie ja noch den kleinen, damals 5-jährigen Ole. Ein zartfühlendes Kind, das den Kummer seiner Mutter spürte und seine große Schwester vermisste. Bis heute hatten er und seine Mutter Edith ein besonderes Verhältnis. Und jetzt hatte er längst selbst schon Kinder, ein Junge und ein Mädchen, das Mädchen hatte er ihm Gedenken an seine Schwester „Karla“ genannt. Und seine liebe Frau Claudette kümmerte sich wirklich hinreißend um die beiden Kinder und um ihren Mann. Schade nur, dass sie so weit weg wohnten. Schade auch, dass Erwin vor drei Jahren gestorben war, mit dem sie in dem Haus Nr. 15 eine kleine Wohnung mit Balkon bewohnt hatte. Aber sie konnte ja jederzeit hierher kommen und die Kinder beim Spielen beobachten, sich an der 8-jährigen Esther freuen, die jetzt bis über beide Ohren grinste, und ihr zurief: „Siehst Du, geht doch mit dem Schaukeln, egal, wie alt Du bist!“ Ja, sie hatte Recht, es ging noch mit dem Schaukeln, egal, wie alt sie war, und durch das Schaukeln wurde sie wieder jung.

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